Michael Schmieder: Dement, aber nicht bescheuert

Michael Schmieders Buch „Dement, aber nicht bescheuert“, stand über ein Jahr in meinem Bücherregal, bevor ich es endlich hervornahm und las. Meine Omi, demenzkrank, verstarb vor einem halben Jahr, und es tat mir einfach weh, mich mit diesem Thema weiter zu konfrontieren.

Dabei ist „Dement, aber nicht bescheuert“ kein Buch, das einen einfach melancholisch macht. Es bringt einen zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken und auch zum wütend werden, gerade als Pflegende.

Michael Schmieder leitete viele Jahre das Heim „Sonnweid“, das seit 30 Jahren neue Wege in der Pflege von Dememzkranken geht. Er lässt uns Lesende an seinen vielfältigen Erfahrungen teilhaben, gibt Einblick in die Arbeit mit den wertgeschätzten Pflegenden und in die Ethikkommission der Institution. Mehr als einmal habe ich geschmunzelt, wenn ich eine von Herrn Schmieder sorgfältig beschriebene Begebenheit eines Bewohners oder einer Bewohnerin gelesen habe. Oft dachte ich dabei an meine Omi, und was ich mit ihr so alles erlebt habe.

Der Autor nimmt dem Lesenden die Angst etwas weg, denn er schafft das Kunststück, uns Nicht-Demenzkranken aufzuzeigen, wo Lebensqualität trotz und gerade wegen Demenz noch möglich ist. Er spricht aber nicht um den heissen Brei herum, wenn es um heikle Themen wie Gewalt, Sexualität im Alter, Sterben im Pflegeheim oder aber Ekel vor Ausscheidungen geht. Auch hier findet er wertschätzende Worte, die es dem Leser leicht machen, sich auf eine Diskussion einzulassen.

Er zeigt plausibel anhand von Beispielen auf, dass eine erfolgreiche Institution für Demenzkranke nicht nur aus den Pflegefachpersonen besteht, sondern auch aus Köchen, Putzfrauen- und Männern, Hauswärten und Gärtnern. Er bezieht klar Stellung, sagt seine Meinung im Bezug auf den deutschen Pflegenotstand: Wie kann es sein, dass sich so ein reiches Land wie Deutschland nicht um seine alten, pflegebedürftigen Menschen kümmert?

„Dement, aber nicht bescheuert“ ist in meinen Augen eine Kampfschrift. Michael Schmieder setzt sich ein für Demenzkranke, ermutigt aber auch deren Angehörige mehr als einmal, eigene Werte und Haltungen zu überprüfen. Vielleicht ist gerade die Demenz unserer liebsten Menschen der Prüfstein für unser weiteres Leben.

Michael Schmieder, Dement aber nicht bescheuert,
2015 Ullstein Buchverlage
ISBN 978-3-550-08102-6

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