Anna Silvia: Kreide fressen – mein zerfetztes Leben

Um es vorweg zu nehmen: ich habe noch selten ein Buch so langsam und mit so viel Übelkeit gelesen. Anna Silvias Buch „Kreide fressen“ ist harte Kost. Es handelt anfangs vom jahrelangen Missbrauch durch Freunde ihres Vaters. Gemeinsam mit der Autorin erkennt der Leser, wie grauenvoll und allumfassend ein Missbrauch ist und welche Teile des Lebens eines Menschen er in Mitleidenschaft zieht. Wir werden Zeugen ihrer frühen Misshandlungen, den schweren Vergewaltigungen, ihres Ekels und ihrer beginnenden Bulimie.

Wir begleiten die 15jährige Anna Silvia bei ihrem Aufenthalt in einer Klinik, wo ihre Bulimie geheilt werden soll. Auch hier ist sie weiteren Demütigungen ausgeliefert. Sie schreibt „Privatsphäre ist im Krankenhaus naturgemäss ein Fremdwort. Ich denke trotzdem, dass die Therapeuten da einen gravierenden Fehler machen, schliesslich soll ja die Psyche geheilt werden. Behandelt wird vielmehr ach dem Prinzip: Erst den Widerstand brechen, dann die Psyche aus den Trümmern neu aufbauen.“

Sie versucht, gesund zu werden, scheitert aber an sich und dem lieblosen Umfeld. Mehr als einmal schüttelt man entsetzt den Kopf über ihre Erlebnisse mit medizinischen Fachpersonen. Sie beschreibt ihre Erlebnisse mit ihren Mitpatientinnen und den Umgang mit der Therapeutin, die ihr nicht glaubt, weil ihre Persönlichkeit nicht jener anderer Missbrauchsopfer gleicht. „So kaute ich keine Nägel, hatte keinen Hass auf Männer im Allgemeinen, ich schlief auch nicht nur bei Licht ein, rauchte oder suchte mein Heil in Drogen.“ Sie verleugnet die Übergriffe und wird aus der Klinik entlassen. Als Leser folgt man diesen Worten mit grossem Entsetzen.

Anna Silvia entkommt ihren Vergewaltigern, zieht, minderjährig, mit einem Mann zusammen, macht ihr Abitur und fängt an zu studieren. Ihre Essstörung hält sich in Grenzen, doch sie ist nicht glücklich. Sie verlässt den Mann und zieht aus. Anna Silvia leidet unter der Einsamkeit und ihre Bulimie kehrt zurück.
„Jahre später, als mein Leben wirklich schön zu werden begann, dachte ich oft: Jahre ohne Vergewaltigung bedeuten Bulimie. Jahre mit Vergewaltigungen bedeuten weniger Essstörung. Könnte ich mir den Ausstieg aus der Essbrechsucht mit einer weiteren Vergewaltigung erkaufen, ich würde es tun. Jeden Tag erneut mit dem Essen zu kämpfen – ich wünsche mir nichts mehr, als davon frei zu sein. Doch es ist ein Trugschluss. Irgendwann sind die Erinnerungen so stark, dass ich das Kotzen brauche, um die Tränen nicht zu spüren. Dem Teufel die Seele zu verkaufen – das ist noch nie gutgegangen.“

Sie prostituiert sich. Bricht wieder aus. Schliesslich taucht sie ab in die SM-Szene Hamburgs. Wir leiden mit ihr mit. Langsam versteht man als Leserin ihre Beweggründe, ihr Dilemma. Schmerzen helfen ihr, sich zu ertragen. Immer wieder passt sie sich ihrem Umfeld, ihren Lebenspartnern und deren sexuellen Wünschen an. Was sie selber will, ist ihr lange nicht klar.

Aber: Anna Silvia ist kein Opfer. Immer wieder rappelt sie sich auf, verlässt kranke Beziehungen, erkennt falsche Menschen. Sie ist ein sehr starker Mensch. Der Preis ist hoch. Immer wieder kämpft sie gegen die Bulimie.

Der letzte Teil des Buches handelt von ihrem körperlichen Zusammenbruch. Sie hat fast alles verloren: ihren Job, ihre Gesundheit. Sie entscheidet sich, in die Psychiatrie zu gehen und sich Hilfe zu holen, gegen die Bulimie zu kämpfen.
Wieder steht sie auf, entscheidet: Ich will gesund werden.

Resümée:
Ich halte dieses Buch für sehr wichtig. Wer verstehen will, wie es einem Menschen ergeht, der als Kind von Erwachsenen missbraucht wird, der die wirklich krassen Schilderungen nicht scheut, sollte dieses Buch lesen. Überdies erklärt die Autorin sehr offen, wie sich eine Bulimie äussert und wie sie selbst mit dieser Erkrankung umgeht.

Anna Silvia ist 1981 geboren und stammt aus Hamburg.

Anna Silvia, Kreide fressen – mein zerfetztes Leben
2017 Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-63170-2

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