Buchkritik: Einmal Altenheim bitte… von J.B. Chevalier

Bücher über Demenz schiessen gerade wie Pilze aus dem Boden. Wer sich für Geschichten von Demenzkranken und ihren Angehörigen interessiert, wird in der Fülle der Literatur bestimmt fündig werden. Die Sensibilität fürs Tabuthema „Demenz“ist da und es gibt glücklicherweise viele mutige Autoren und Autorinnen, die darüber schreiben. J.B. Chevalier hat mir ihr Buch zukommen lassen und mich um eine Rezension gebeten. Dem komme ich hiermit gerne nach.

J.B. Chevalier ist eine deutsche Autorin, die als Angehörige über die Demenzerkrankung ihrer Tante und ihrer Grossmutter schreibt. Sie tut dies mit sehr viel deftigem Humor. Wer selber in der Situation steckt, wird sich vielleicht mehr als einmal in den beschriebenen Situationen erkennen. Sie beschreibt, wie ihre Eltern sich um die beiden demenzkranken Frauen kümmern und was sie dabei alles erleben.

Mir persönlich gefiel Frau Chevaliers Humor nicht schlecht. Er ist aber, wie so oft, Geschmackssache. Leider macht mir das Layout beim Lesen Mühe und es war für mich der Grund, mehr als einmal das Buch wieder wegzulegen. Das Buch ist natürlich auch als e-Book erhältlich, was das Lesen bestimmt einfacher macht.

Schwierig finde ich bestimmte Beschreibungen wie jene auf Seite 53ff, wo sie beschreibt, wie die „Insassen“ des Pflegeheims gegen ihren Willen zur Dusche gezwungen werden.

„An einem anderen Tag stand der Badetag an. Sämtliche Bewohner werden an diesem Tag nacheinander ins Bad geleitet oder mit dem Rollstuhl geschoben. Manche sträubten sich vehement. Die Unwilligen in den Rollstühlen hielten die Arme ganz weit gespreizt, so dass sie sich mit aller Kraft am Türstock festhalten konnten. So verkeilt kamen die Pfleger / innen mit dem Rollstuhl und der darin befindlichen Person nicht mehr durch die Türe. […] Franz beobachtete eine ganze Weile an einem seiner Besuchstage so eine Szene, um dann einem verzweifelten Pfleger Hilfestellung geben zu können.

Er hatte sich eine Lösung ausgedacht und teilte diese dem Pfleger mit. Sein Tipp: „Drehen Sie doch den Rollstuhl mitsamt der darin befindlichen Person um und fahren rückwärts durch die Türe!“

Der verdutzte Pfleger versuchte es – und siehe da, die Frau hatte keine Chance mehr sich festzuklammern. Ihre Finger rutschten mit jedem geschobenen Zentimeter mehr und mehr am Türstock ab. Es funktionierte.

Von dem Tage an wurde jeder gewaschen.

Derjenige, der wollte – durfte und die Anderen mussten.

Ohne Ausnahme!

Manchmal können auch Pflegekräfte noch dazu lernen. Man sollte sich das Leben immer so leicht als möglich machen.

Die Badetage verloren für das Pflegepersonal ihren schrecken. Jedoch kann man leider nicht allen gerecht werden, denn für die Heiminsassen änderte es nichts an der Tatsache, dass sie von einem völlig fremden Menschen gewaschen werden.“

Als Pflegende war ich beim Lesen dieser Zeilen ehrlich schockiert. Die Aussagen der Autorin sind für mich nicht nachvollziehbar und beim Gedanken, dass die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims SO behandelt werden, verursacht bei mir ein wirklich schlechtes Gefühl.

Mit einigem Erstaunen nahm ich später beim Recherchieren zur Kenntnis, dass die Autorin selber auch in der Pflege tätig ist. Frau Chevalier schilderte mir im Mailverkehr dann, wie schwierig die Pflegesituation der Demenzkranken in Deutschland im Vergleich zur Schweiz ist. Das hat mich, einmal mehr, sehr betroffen gemacht.

Frau Chevalier mischt Anekdoten ihrer Familie mit gesellschaftspolitischen Statements zur Pflege und Demenz, die ich sehr wichtig finde. Aber bei ihrem Vergleich von Rinderwahnsinn und Demenz [Kapitel “Die seltsame Vermehrung der Kranken”, Seite 118ff] und der Frage nach der Rolle der Politik, bleibt mir dann aber nichts anderes mehr, als ausgiebig den Kopf zu schütteln.

Trotzdem möchte ich dieses Buch empfehlen, gerade weil es einerseits polarisiert und zum Diskutieren über den Pflegenotstand in Deutschland anregt und gleichzeitig berührt.

 

J.B. Chevalier: EINMAL ALTENHEIM BITTE… ONE-WAY-TICKET
ISBN 978 – 3 – 86460 – 470 – 6,
BOD
14.95€

 

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