Gespräch über den Tod

Zora Debrunner und Sascha Erni waren am 7. Oktober 2016 an der Presse-Vorstellung der Ausstellung „Noch mal leben vor dem Tod“ in Zürich, die am 8.10. Vernissage feiert. Ein Gespräch, einige Stunden später.

ausstellung

Zora Debrunner: Die ausdrucksstarken Fotos von Walter Schels und die Texte der Journalistin Beate Lakotta kannte ich natürlich aus ihrem Buch „Noch mal leben vor dem Tod“. Ich mochte die Bilder, weil sie mir damals beim Anschauen die Angst vor dem Sterben ein wenig nahmen. Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch.

Sascha Erni: Ich kannte die Bilder. Aber nicht so. Ihre Grösse hat mich praktisch wie eine Faust in die Magengrube getroffen. Und dann noch die Texte. Meine Güte! Nicht wirklich, was ich mit dem „pulsierenden Kreis 5“ in Verbindung gebracht hätte!

Zora: Es ist schon seltsam: Wir Menschen sprechen über praktisch alles, zeigen sich alles. Aber beim Thema Sterben und Tod kehrt meistens Stille ein. Die einen weigern sich, nur schon daran zu denken, dass das Leben endlich ist. Na logo, schliesslich leben wir alle vegan und rauchen nicht!

Erni: Oder wir sind jung. Und Hipster.

Zora: Und die anderen regen sich auf und rufen wie ein Wald voller Affen aus, dass man einen toten Menschen in einer Ausstellung zeigt. Wie ungehörig! Was ist da passiert? Das war doch nicht immer so!

Erni: Genau. Und ich glaube, deshalb finde ich auch so spannend, dass „Noch mal leben vor dem Tod“ ausgerechnet hier in der Limmat-Hall stattfindet. Im Boom-Quartier von Zürich! Hier, wo sich die Menschen Gedanken machen, wie sie möglichst NICHT alt werden und möglichst gesund bleiben, wirst du plötzlich mit Portraits von Toten konfrontiert. Von der religiösen Rentnerin bis zum krebskranken Kind.

Zora: Wir standen vor den Fotos des toten Mädchens. Ich musste an meinen toten, kleinen Bruder denken. Ich frage mich, wie er ausgesehen hat, als er tot war. Ich habe keinerlei Vorstellung davon. Ich war nahe den Tränen. Und ich hatte den Eindruck, den beiden Künstlern ging es ähnlich bei ihrer Erzählung, wie sie das Kind nach dessen Tod im Kreise seiner Familie fotografiert haben.

Erni: Das hat mich auch beschäftigt. Auch die andere Fotoreihe, noch ein totes Kind, wie sich die Verwandten einen Print wünschten und sich die Bilder in die Stube hängten. Damit sind wir auch wieder an dem Punkt, den du vorhin angesprochen hast: Weshalb fällt das heute so schwer? Memento mori gibt es doch schon ewig.

Zora: In meiner eigenen Familie gab es Fotos von Toten auf dem Sterbebett, die man sich als Erinnerung an den geliebten Menschen aufbewahrt hat. Diese Tradition ist uralt. In der sakralen Malerei gibt es unzählige Gemälde, die sterbende und tote Menschen zeigen.

Erni: Neben uns schläft gerade die Katze. Würdest du ein Foto von ihr, wenn sie mal nicht mehr ist, aufhängen? Sie ausstopfen lassen?

Zora: Das ist eine fiese Frage.

Erni: Eigentlich nicht. Denn das ist die Frage, die auch diese Ausstellung stellt: Der Tod definiert das Leben. Weshalb ist es denn so schlimm, wenn er dann mal da ist? Darf man ihn nicht zeigen, die tote Person sozusagen konservieren? Warum schiebt man den Tod weg, muss ihn verstecken?

Zora: Walter Schels und Beate Lakotta erzählten heute morgen von ihren Begegnungen mit den Sterbenden. Ihre Erzählungen erinnerten mich an meine Mutter, die vor fast genau neun Jahren in einem Pflegeheim verstarb. Ihr Gesicht in den Gesichtern der Menschen auf den Fotos. Ich verdrängte den Gedanken an sie. Nicht jetzt. Nicht weinen. Nicht hier.

Erni: Mir ging es ähnlich. Ich dachte an meine Ehefrau, die vor sieben Jahren in einem deutschen Hospiz verstarb. Und ich finde es bemerkenswert, wie respektvoll und trotzdem unverfälscht Lakotta und Schels an das Thema heran gehen. Denk nur mal an den Werber, Heiner Schmitz, den sie porträtiert haben. Er ist der Mensch auf den Plakaten. Sie haben ihn zufällig in einem Hospiz getroffen, einen alten Bekannten. Ein Werbefachmann. Er hielt Schels zuerst für einen Mitbewohner. Und dann wird der sterbende Werber zum Werbeplakat. Ohne dass Schels und Lakotta das zynisch gemeint hätten.

Zora: Es passt einfach.

Erni: Die Bilder und die Texte hauen schon rein.

Zora: Ja. Aber auf eine gute Art.

Erni: Es ist nicht einfach Sesamstrasse des Sterbens.

Zora: Nein.

Erni: Wer sollte oder müsste sich denn die Ausstellung anschauen? Wir schätzten sie ja, aber wer noch?

Zora: Ich denke, dass diese Ausstellung bei jedem Besucher eigene Gefühle auslösen wird, die vielleicht nicht so angenehm oder gar schmerzhaft sein werden. Es braucht Kraft, sich die Bilder anzusehen und die Texte zu lesen. Bei mir stellte sich nach einer Weile eine Ruhe ein. Ich war zwar traurig, aber trotzdem sehr dankbar, dass diese Bilder und diese Geschichten mit mir geteilt wurden. Ich bin mir sicher, dass es auch zu guten, spontanen Gesprächen zwischen Besuchern, die sich nicht kennen, kommen wird. Das finde ich eine ganz eindrückliche und schöne Sache.

Erni: Ich finde das Projekt und auch die Ausstellung extrem wichtig und es freut mich, dass palliative zh/sh so einen urbanen Ort dafür gewählt hat. Wie man es auch dreht und wendet, sterben werden wir alle. Die Frage ist doch, wie wir damit umgehen. Ich denke, dass Schels Bilder und Lakottas Texte hier nicht unbedingt einen Leitfaden darstellen, sondern vielmehr aufzeigen: Der Tod ist so vielfältig wie das Leben. Und er gehört zum Leben. Und das ist auch gut so.

*

Noch mal leben vor dem Tod. Eine Ausstellung über das Sterben

8. Oktober bis 18. November 2016

Fotos von Walter Schels und Texte von Beate Lakotta

Limmat Hall Zürich, Hardturmstrasse 122, Tram 17 bis Förrlibuckstrasse

http://www.noch-mal-leben-zuerich.ch

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2 thoughts on “Gespräch über den Tod

  1. Wow, danke für diesen ehrlichen Bericht.
    Darf ich in diesem Zusammenhang auf die Organisation “Herzensbilder” aufmerksam machen, deren Profifotografen unter anderem auch zu Familien von sog. “Sternenkindern” (still geborenen oder kurz nach der Geburt verstorbenen) gehen, um schöne, sensible Bilder zu machen, damit die Familie eine bleibende Erinnerung an ihr Baby oder Kind hat.
    http://www.herzensbilder.ch/

  2. danke, liebe Katharina für deine Anmerkung. “Herzensbilder” ist ein wirklich wichtige Sache. Ich wäre froh, wenn meine Eltern damals auch jemanden gehabt hätten, der ihnen meinen toten Bruder fotografiert hätte. ❤

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