Reisen mit Behinderung im Kanton Graubünden

So eine Ferienwoche ist eine schöne Sache. Jeder von uns denkt doch: Ferien sind wichtig. Da kann man sich erholen. In diesem Beitrag hier möchte ich euch einen kleinen Abriss geben, wie so eine Ferienwoche für Menschen mit Behinderung in der Schweiz ablaufen kann.

Die Suche nach einem rollstuhlgängigen Ferienhaus gestaltet sich schwierig. Wenn man bereits Kontakte hat, ist das sicherlich eine gute Sache. Ansonsten bleibt einem nur die Suche mittels groups.ch. Hier kann man gewünschte Ferienregionen, Daten und vor allem „Behindertenferien“ mit und ohne Rollstuhl angeben. Wir hatten uns für den Kanton Graubünden entschieden. Hier bleibt nur soviel zu sagen: Es besteht Luft nach oben!

Ferienhäuser
Tatsächlich findet man auf groups.ch 18 Ferienhäuser/-hotels, die Angebote für Menschen mit Handicaps anbieten. Doch rollstuhlgängig ist nicht gleich rollstuhlgängig. Und noch längst nicht alle Ferienhausanbieter sind bereit, Menschen mit einer geistigen Behinderung zu beherbergen. Es lohnt sich immer nachzufragen, ob beispielsweise Pflegebetten vorhanden sind. Doch auch diese Nachfrage schützt einen nicht vor bösen Überraschungen, wenn zum Beispiel das einzig vorhandene Pflegebett in einem desolaten Zustand oder gar defekt ist.

Reisen mit der RhB
Wir entschieden uns am dritten Ferientag zu einer Fahrt mit der RhB von Disentis nach Chur. Am Vorabend unseres Ausflugs wollte ich via Twitter wissen, ob die RhB rollstuhlgängig sei.

Die Twitter-Community half rasch, war sich jedoch unsicher, wie barrierefrei die RhB wirklich sind. Ein Blick auf die Seite des Bahnhofs verhiess nur Gutes. Die SBB-App hingegen war nicht wirklich aussagekräftig.

Auf dem Bahnhof Disentis selber wurde uns klar, dass es dann doch nicht so einfach ist. Die Präsenzzeiten am Schalter des Bahnhofs sind gelinde gesagt ungewohnt. Hilfe kriegt man hier ab 11.20 nicht mehr. Zwar gibt es tatsächlich einen „stufenlosen Perronzugang“. Dieser ist jedoch ziemlich steil und auch tagsüber sehr dunkel. Abends möchte ich da ungern mit dem Rollstuhl unterwegs sein.

barrierefreier Zugang zu den Perrons

Öffnungszeiten Schalter

Ziemlich mühsam ist die Auffahrt aufs Perron, wenn gerade der Glacier-Express angekommen ist. Asiatische Touristen sind im Umgang mit Menschen im Rollstuhl wenig tolerant. Schubser, Ellbogenstösse und sogar angegafft und fotografiert werden sind da zu erwarten. Ziemlich übel.

Wir hatten bei der Fahrt nach Chur keine Einstiegshilfe bestellt, sondern hoben den Rollstuhl alleine in den Bahnwaggon. Dieser war recht alt. Die Türen schlossen sich schon nach wenigen Sekunden und ohne Erbarmen, was für die helfenden Personen ziemlich schmerzhaft sein kann. Die Person musste im Gang draussen in ihrem Rollstuhl sitzen bleiben, da die Türe zu eng für den Rollstuhl war. Das finde ich ziemlich ausschliessend. Allerdings habe ich im Kanton Freiburg auch schon Menschen im (dunklen) Gepäckabteil begleitet, weil die Türen zu eng waren. Im Winter, wenn in diesem Zug an dieser Stelle Skier verstaut werden, ist es also nur schwer möglich, mit Rollstuhl mitzureisen.

Positiv fand ich, dass bei beiden Fahrten Kontrolleure anwesend waren. Eher bedenklich war, dass von drei Kontrolleuren nur einer wirklich hilfsbereit war. Auskunft in Sachen Rollstuhlgängigkeit bzw. Hilfe beim Ein- bzw. Aussteigen bot nur eine Person an. Der Satz „es hett im Fall en Lift“ (wahrscheinlich war damit der Mobi-Lift gemeint) hallt mir im Ohr nach. Hier besteht also durchaus Verbesserungspotential.

In Chur bot uns der Kontrolleur Plätze in einem reservierten Wagen an. Dieser war rollstuhlgängig und so konnten wir alle zusammen reisen. Auf der Rückreise bestellte ich dann via SBB Call Center Handicap den Mobilift für den Bahnhof Disentis. Dieses Call Center wird in Brig betrieben, was es für mich als Ostschweizerin praktisch unmöglich machte, mich mit dem durchaus freundlichen Walliser Mitarbeiter zu verständigen. Dass man als Begleitperson den Namen der behinderten Person mitteilen (in meinem Falle: brüllen) musste, finde ich unmöglich. Ich bin der Meinung, der Besitz eines gültigen Fahrausweises reicht, damit man einen Mobilift bestellen kann.

Leider klappte die Reservation in Disentis nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Viele Minuten nach unserer Ankunft, wir dachten schon, die Reservation wäre nicht bis nach Disentis durchgedrungen, hoben wir den Rollstuhl halt selber (unter den Augen der Kontrolleure) raus. In diesem Moment kam der Bahnmitarbeiter mit dem Lift. Den Spruch „mit Lift gohts im Fall besser“ kannten wir da schon zur Genüge.

Bergbahnen
Einen Tag später planten wir einen Ausflug mit den Bergbahnen Disentis3000 ins Bergrestaurant Caischavedra. Auf der Seite selber ist leider nicht ersichtlich, ob Menschen im Rollstuhl mitreisen können und ob Begleitpersonen gratis mitreisen können. Da diese Fahrten doch jeweils recht teuer sind, wäre eine passende Information wünschenswert. Glücklicherweise durften die Begleitpersonen gratis mitreisen. Auch die Bedienung im Bergrestaurant war sehr freundlich. Ein Highlight!

Mit dem Bus unterwegs
Wer nicht mit dem Zug reisen mag, wird wohl mit PW oder Bus in Richtung Disentis reisen. Auf der Strecke zwischen Ilanz und Disentis sind jedoch seit Jahren Strassenarbeiten im Gange, die die Reise mit dem Auto doch recht mühsam machen und für Menschen im Rollstuhl gegebenenfalls sehr unangenehm sind.

Fazit
Auch heute noch muss man als Mensch mit Behinderung in der Schweiz mit strukturellen Einschränkungen umgehen können. Es ist daher sehr verständlich, warum viele Gruppen und Institutionen lieber preiswertere (und vor allem: barrierefreie) Ferien im Ausland buchen als in unseren sogenannten Schweizer Ferienregionen, die wenig Interesse an dieser Zielgruppe zeigen. Hier besteht also durchaus Handlungsbedarf. Inklusion bedeutet also nicht nur Barrierefreiheit, sondern auch allgemein leichtere Zugänglichkeit, weniger Bürokratie und vor allem mehr Freiheit im alltäglichen Handeln.

 

 

 

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