Mach mal hinne!

In Deutschland ist der Ausdruck #pflegenotstand in aller Munde. Es wird immer schwieriger, geeignete, gut ausgebildete Pflegende zu rekrutieren. Das Resultat sind schlecht gepflegte Patienten oder Klienten, ausgebrannte, weil überarbeitete Mitarbeiter und infolgedessen steigende Kosten.

Man möchte meinen, dass es im Schlaraffenland Schweiz etwas anders aussieht. Schliesslich haben wir alles, was das Herz begehrt: Geld, Lebensenergie, Gesundheit und Sicherheit.

Doch ganz im Ernst: was die Rekrutierung passender Pflegekräfte angeht, mache ich mir Sorgen. Manchmal frage ich mich nämlich, ob RAV-Mitarbeiter ihren Kunden grundsätzlich raten, sich bei fehlendem Vermittlungserfolg in sozialen Institutionen zu bewerben.

Bitte verstehen Sie mich richtig: Menschen, die arbeitslos sind und arbeiten wollen, bewerben sich nun mal auf freie Stellen. Aber jedem, der aufgrund verschiedenster Gründe nicht mehr vermittelbar ist, zu raten, er solle halt mal in den Sozialbereich gehen, empfinde ich als Affront gegenüber der Arbeit, die wir Pflegenden leisten.

Aus gutem Grund dauern Ausbildungen in unserem Bereich nämlich mehrere Jahre. Es reicht leider nicht, wenn ein Bewerber mal einem Kind aus der Ferne zugewunken hat oder eine Oma hatte, die er sehr gemocht hat. Es reicht nicht, dass eine Bewerberin als Teenager in der Nachbarschaft „ein liebes Möngi-Meitli“ gekannt hat. Es reicht für diesen Beruf nicht aus, wenn man „gerne achli mit Menschen schafft“.

Sie sollten soziale Kompetenzen mitbringen. Das bedeutet, dass Sie Menschen mögen müssen. In allen Lebenslagen. Mit allen Behinderungen, die das Leben so mit sich bringt. Egal, welche Religion jemand ausübt oder aus welchem Land ein Mensch stammt. Wenn Sie das nicht können, dann bewerben Sie sich besser nicht für eine ausgeschriebene Stelle.

Sie müssen gerne arbeiten, denn unser Job ist hart. Wenn eine Kollegin krank ist, dann lässt sich die Arbeit nicht auf Morgen verschieben, denn Menschen sind von der Qualität Ihrer Leistung direkt abhängig. Wenn Sie mit Menschen mit einer Behinderung arbeiten, dann besteht der Hauptteil Ihres Jobs nicht aus Bingo oder Uno spielen. Sie begleiten Menschen in ihrem Alltag, unterstützen mit Wort, Tat und Gesten. Sie sind da, wenn es den Ihnen anvertrauten Menschen mal so richtig schlecht geht. Wenn Sie sich privat schwer tun, eine Katze zu halten oder Goldfische, dann bewerben Sie sich bitte nicht im Sozialbereich. Menschen haben nämlich das Anrecht, dass man sie anständig behandelt. Die kann man nicht bei Nichtgefallen im Tierheim abgeben.

Sie ekeln sich vor Speichel, Urin oder Stuhlgang?
Dann sollten Sie sich nicht für eine Stelle bewerben, wo Sie Menschen pflegen müssen. In Bewerbungsgesprächen dann zu sagen, dass es ja vielleicht jemanden gibt, der solche Tätigkeiten für Sie erledigt, ist dumm. Bitte verschonen Sie andere damit.

Denken Sie bitte daran, dass wir alle im Sozialbereich PC-Kenntnisse brauchen. Wir schreiben unsere Berichte längst nicht mehr auf Wachstäfelchen, sondern mit Tastatur und Grips.

Sie leiden unter einem Burnout und/ oder Suchtproblemen? Bitte werden Sie zuerst gesund. Sie machen sich und etwaigen Arbeitskollegen keinen Gefallen, wenn Sie krank zur Arbeit kommen. Ihre Kollegen haben die Aufgabe, sich um die Betreuten zu sorgen, nicht um Sie!

Sie wurden trotz Ihres mangelhaften Dossiers eingeladen?
Glückwunsch.
Bitte überlegen Sie sich, wie Sie über pflegebedürftige Menschen sprechen.
Betreute Menschen als „Behis“, „Möngis“ oder „Tubeli“ zu bezeichnen, die „achli tumm sind“, ist unverschämt und zeichnet Sie als das aus, was Sie sind: zurecht arbeitslos.

Wenn Sie aber gerne mit Menschen arbeiten, Sie damit leben können, keinen hohen Lohn zu erhalten und oftmals erschöpft ins Bett fallen, sind Sie im Sozialbereich richtig.

Wenn Sie sich auf Ihre betreuten Menschen einlassen, bekommen Sie etwas zurück. Sie verstehen plötzlich, was Menschlichkeit wirklich bedeutet. Und wenn Sie das gecheckt haben, haben Sie wirklich etwas für Ihr Leben gelernt.

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One thought on “Mach mal hinne!

  1. Bravo und großes Kompliment, denn das musste je mal von zuständiger Seite und mit kompetenter Stimme in harter aber klarer Sprache gesagt werden. Deine Worte in der Gesellschaftsgötter Ohr.

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